Verhalten verstehen statt bewerten 

Verhalten ist keine Frage von Schuld – sondern ein Hinweis darauf, wie dein Hund seine Umwelt erlebt.

„Warum macht mein Hund das eigentlich?“

Diese Frage höre ich in meinen Trainings immer wieder.

Und ehrlich gesagt freue ich mich jedes Mal darüber.

Nicht, weil ein Hund Schwierigkeiten hat, sondern weil genau diese Frage zeigt, dass jemand seinen Hund verstehen möchte.

Vielleicht bellt dein Hund andere Hunde an.

Vielleicht zieht er plötzlich an der Leine.

Vielleicht springt er Besuch an.

Oder der Rückruf klappt zu Hause wunderbar, draußen aber scheinbar überhaupt nicht.

Gerade in solchen Momenten wünschen wir uns oft eine schnelle Lösung.

Das kann ich gut verstehen.

Trotzdem lohnt es sich, bevor wir nach einer Lösung suchen, einen kleinen Moment innezuhalten.

Denn häufig stellen wir uns zuerst die Frage:

„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“

Ich möchte dich einladen, die Frage ein wenig anders zu stellen.

Nämlich:
„Warum zeigt mein Hund dieses Verhalten gerade jetzt?“

Für mich beginnt genau dort gutes Hundetraining.


Es lohnt sich, genauer hinzuschauen

Hinter jedem Verhalten steckt eine Ursache.

Das bedeutet nicht, dass wir sie immer sofort erkennen.

Manchmal liegt sie auf der Hand.

Manchmal müssen wir etwas genauer hinschauen.

Und manchmal spielen mehrere Dinge gleichzeitig eine Rolle.

Oft höre ich Aussagen wie:

  • „Der testet seine Grenzen.“
  • „Der will seinen Kopf durchsetzen.“
  • „Der macht das aus Trotz.“

Solche Erklärungen klingen zunächst nachvollziehbar.

Heute wissen wir jedoch, dass Hundeverhalten meist sehr viel komplexer ist.

Hunde handeln nicht, um uns zu ärgern.

Sie überlegen auch nicht, wie sie uns möglichst viele Nerven kosten können.

Sie reagieren auf das, was sie gerade wahrnehmen, erleben und fühlen.

Aus Sicht des Hundes ergibt sein Verhalten in diesem Moment Sinn – auch wenn wir Menschen diesen Sinn nicht sofort erkennen.

Und genau deshalb lohnt es sich, neugierig zu bleiben.


Verhalten ist wie ein Eisberg

Du kennst das Bild eines Eisbergs. Über der Wasseroberfläche sehen wir nur einen kleinen Teil. Der weitaus größere Teil liegt unter Wasser. Mit dem Verhalten eines Hundes ist es ganz ähnlich.
Wir sehen das Bellen.
Wir sehen das Ziehen an der Leine.
Wir sehen das Knurren oder das Weglaufen.
Das ist der Teil, den wir beobachten können.
Was wir nicht sehen, sind die Gründe dafür.
Vielleicht fühlt sich dein Hund unsicher.
Vielleicht ist ihm die Situation gerade zu viel.
Vielleicht hat er Schmerzen.
Vielleicht hatte er bereits mehrere aufregende Erlebnisse und sein Stresslevel ist schon lange erhöht.
Vielleicht hat er in einer ähnlichen Situation schlechte Erfahrungen gemacht.
Oder vielleicht weiß er einfach noch nicht, wie er mit dieser Situation umgehen soll.
Deshalb schaue ich im Training nie nur auf das Verhalten.
Mich interessiert immer auch, was unter der Oberfläche liegt.
Denn genau dort finden wir häufig die Antworten.

Verhalten ist Kommunikation

Unsere Hunde sprechen nicht mit Worten.

Sie sprechen mit ihrem Verhalten.

Ein Hund, der bellt, möchte uns nicht unbedingt ärgern.

Ein Hund, der knurrt, möchte nicht automatisch angreifen.

Und ein Hund, der nicht sofort auf ein Signal reagiert, ist nicht automatisch ungehorsam.

Verhalten ist Kommunikation.

Es zeigt uns, wie unser Hund eine Situation erlebt.

Je besser wir lernen, diese Sprache zu verstehen, desto besser können wir unseren Hund begleiten.


Deshalb frage ich mich im Training immer zuerst:

„Was möchte mir dieser Hund gerade mitteilen?“

Ich finde, genau diese Frage verändert oft den Blick auf eine Situation.


Viele Dinge beeinflussen Verhalten

Vielleicht fragst du dich jetzt:

„Wodurch entsteht Verhalten überhaupt?“

Die Antwort ist gar nicht so einfach.

Denn meistens gibt es nicht den einen Auslöser.

Verhalten entsteht durch das Zusammenspiel vieler verschiedener Faktoren.

Zum Beispiel spielen diese Punkte eine wichtige Rolle:

  • Emotionen wie Freude, Angst, Unsicherheit oder Frust.
  • Erfahrungen, die dein Hund in seinem bisherigen Leben gemacht hat.
  • Seine Bedürfnisse nach Ruhe, Sicherheit, Bewegung oder sozialem Kontakt.
  • Sein aktuelles Stresslevel.
  • Seine körperliche Gesundheit.
  • Die Umgebung, in der ihr euch gerade befindet.

All diese Dinge beeinflussen, wie dein Hund eine Situation erlebt – und wie er darauf reagiert.

Deshalb gibt es auch keine Patentlösung, die auf jeden Hund passt.

Jeder Hund bringt seine eigene Geschichte mit.


Aus dem Trainingsalltag

Immer wieder begegnen mir Hunde, die als „stur“, „dominant“ oder „schwierig“ beschrieben werden. Wenn wir gemeinsam genauer hinschauen, zeigt sich häufig ein ganz anderes Bild.
Vielleicht steckt Unsicherheit dahinter.
Vielleicht Überforderung.
Vielleicht Schmerzen.
Oder der Hund hat nie die Möglichkeit bekommen, ein anderes Verhalten zu lernen.
Für mich gibt es deshalb keine „Problemhunde“. Es gibt Hunde, die Unterstützung brauchen.
Und Menschen, die lernen möchten, ihren Hund besser zu verstehen. Genau dabei begleite ich euch.


„Er weiß es doch eigentlich!“

Diesen Satz höre ich ebenfalls häufig.

„Zu Hause klappt der Rückruf wunderbar. Draußen scheint er alles vergessen zu haben.“

Vielleicht kennst du das auch. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass dein Hund ungehorsam ist.
Vielleicht ist die Ablenkung größer.

Vielleicht überlagern Emotionen oder Stress das bereits Gelernte.
Und noch etwas ist wichtig zu wissen:

Hunde übertragen Gelerntes nicht automatisch auf neue Situationen. Ein Signal, das im Wohnzimmer sicher funktioniert, muss nicht automatisch auch auf einer belebten Wiese oder im Wald funktionieren. Dieses Thema nennt man Generalisierung.

Es ist unglaublich spannend und bekommt deshalb einen eigenen Beitrag in meiner Rubrik „Gut zu wissen“.


Mein Blick auf Hundetraining

Ich wünsche mir, dass wir Hunde nicht vorschnell bewerten.

Ich wünsche mir, dass wir bereit sind, genauer hinzuschauen.

Denn hinter jedem Verhalten steckt ein Hund mit einer eigenen Geschichte.

Mit eigenen Erfahrungen.

Mit eigenen Gefühlen.

Und mit eigenen Bedürfnissen.

Wenn wir beginnen, nach den Ursachen statt nach Schuld zu suchen, verändert sich häufig nicht nur das Verhalten.

Es verändert sich die Beziehung zwischen Mensch und Hund.

Und genau dabei möchte ich dich begleiten.

Denn ich bin überzeugt:

Je besser wir unsere Hunde verstehen, desto besser können wir sie begleiten.


Mein Impuls für dich

Beim nächsten Spaziergang musst du nichts anders machen.

Beobachte deinen Hund einfach einmal ganz bewusst.

Vielleicht fragst du dich nicht sofort:

„Wie bekomme ich dieses Verhalten weg?“

Sondern:

„Was könnte mein Hund mir gerade mitteilen?“

Ich bin mir sicher, dass sich dadurch dein Blick auf deinen Hund verändern wird.

Und manchmal beginnt genau mit diesem kleinen Perspektivwechsel eine ganz neue Art des Miteinanders.


Die Grundlage meiner Arbeit


Mein Wissen basiert auf meiner Ausbildung, regelmäßigen Fortbildungen, wissenschaftlicher Fachliteratur und vor allem auf der täglichen Arbeit mit Mensch-Hund-Teams. Wissenschaft entwickelt sich stetig weiter. Deshalb ist es mir wichtig, mein Wissen regelmäßig zu hinterfragen, zu erweitern und neue Erkenntnisse in meine Arbeit einfließen zu lassen.